27.11.09

Bonusmaterial zu Neuchâtel: Schokolade

Das Plakat stimmt eher nostalgisch, doch die Ausstellung ist es nur bedingt: Le monde selon Suchard im Musée d'Art et d'Histoire in Neuchâtel. Natürlich weiss man auch sofort, um was es geht - um die Schokolade von Suchard, hierzulande sofort mit der lilafarbenen Packung von Milka assoziert. Suchard wurde 1825 von Philippe Suchard in Neuchâtel gegründet und bestand - mit wechselnden Besitzern bis 1996, als der damalige Besitzer Kraft Foods die Herstellung einstellte.

So beginnt die Ausstellung erst einmal mit dem Ende: mit der Schließung der Schokoladenfabrik, die ein Teil der Identität für Neuchâtel darstellte. Es sind große Installationen, die die Besucherin als erstes erwarten: ein Büro, eine Kneipe und eine leere Fabrikecke. Überall erzählen Menschen auf Bildschirmen über die Schließung. Nachdem man den Teil passiert hat, in dem es um die städteplanerischen Konsequenzen des Fabrikgeländes geht, taucht man nun ein in die Welt der Schokolade, beginnend beim Kakao, der als Pflanze hier beeindruckt, über die Herstellung bis hin zur Werbung und Implantierung der Marke in den Alltag.

Das Besondere an der Ausstellung ist, dass alle Raumthemen zu einer Art begehbaren Bild inszeniert werden. Die verschiedenen Geschmacksrichtungen werden zum Beispiel in einem Labor plaziert, das gar nichts Sinnliches vorweist, sondern vor allem darauf, das schon von Anfang an die Schokolade eigentlich nichts Schweizerisches enthielt - fast alle Rohstoffe wurde importiert. In einem bürgerlichen Salon der Jahrhundertwende, erfährt man mehr von Fabrik- und Familiengeschichte, indem man in einem Fauteuil sitzend in einem Fotoalbum blättert, und erfährt, warum diese lukrative Liaison von Schokolade und Familie letztendlich geplatzt ist. Natürlich dürfen auch die vielfältigen Verpackungen und Werbeplakate nicht fehlen, die in einer Ladeninstallation zur Geltung gebracht werden. Die Marketingstrategie war hier von Anfang an vorgegeben: Die Schokolade Suchard als ein Stück Schweiz - visualisiert mit den Klischees Alpen und Kühe. Das diese Strategie wunderbar funktioniert hat, kann an den vielen Verpackungen, Werbegrafiken oder Fernsehspots nachvollzogen werden.

Etwas weniger gelungen ist der Teil der Ausstellung, in dem es um die Implantierung von Suchard-Produkten im täglichen Leben geht: Dies findet in einer Wohnung statt, die an eine Arbeiterwohnung erinnern soll, die die Familie Suchard für ihre Arbeiter bauen ließ. Hier hätte man gerne etwas mehr über diese Wohnformen erfahren. Thema ist aber die Omnipräsenz von Suchard in allen Lebensbereichen, mit dem Effekt, das man sich geradezu von Gegenständen visuell erschlagen lassen muss.

Die Ausstellung wird, so heißt es auf der Seite des Museums, von zahlreichen Degustationen begleitet. Wer sich aber vorstellt, sich im Museumsshop mit Schokoladen-Devotionalien eindecken zu können, der sei vorgewarnt: außer eine überteuerten Tafel Schokolade und ein paar Postkarten gab es leider nichts kaufen. Der Ausstellungskatalog liegt auf französisch vor; die Ausstellungstexte sind auf deutsch und auf französisch.

Hier gibt es auf DRS etwas zu hören über die Ausstellung und hier bei Schweiz aktuell einen Blick in die Ausstellung werfen (fotografieren war leider nicht erlaubt).

Noch bis zum 3. Januar ist die Ausstellung noch zu sehen - also noch ein Grund, um nach Neuenburg zu fahren - sozusagen das Bonusmaterial, zu der doch sicherlich schon geplanten museologischen Bildungsreise, um sich die Ausstellungen Helvetia Park, Retour d'Angola oder Parce que anzuschauen.

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16.11.09

Auf zur museologischen Bildungsreise nach Neuchâtel

Wenn ich eine Ausstellung des Jahres wählen dürfte, dann wäre diese ganz vorne mit dabei: Parce queue. Wenn man das etwas verkürzt ausspricht, hört sich das an wie Warum? - es geht um la queue, um den Schwanz - mit all seinen Bedeutungen.

Warum gerade der Schwanz? Einiges erklärt sich dadurch, dass wir im naturwissenschaftlichen Museum, sind, genauer im Muséum d'histoire naturelle von Neuchâtel.
Ausgehend von dem Satz von Charles Darwin aus in der Evolotionstheorie "Schon wenn ich den Schwanz eines Pfaus sehe, wird mir schlecht", wird hier die Geschichte des Schwanzes aufgerollt, in der Evolution, aber auch in der Kulturgeschichte - mit mit all den Doppeldeutigkeiten, die dem Wort zu eigen ist. Das ist so pfiffig, so spannend und kurzweilig gemacht, das man am Ende der Ausstellung - wo ein sprechendes Sperma den Abgang erleichtern soll - so richtig enttäuscht ist, dass sie schon zu Ende ist.


Doch von vorne: Wir sind in einem naturwissenschaftlichen Museum, deshalb fängt man hier von vorne an - bzw. nach einer Installation von schwanzartigen Gebilden sind wir beim Fisch angelangt, dessen Schwanzflosse in der Evolotion am Anfang steht. Kleine Fische schwimmen in Aquarien, Tafeln erläutern Grundlegendes. Schön ist hier die gestalterische Idee, darzustellen, wie die Menschen die Natur imitieren - in Form von Plastikfischen.

Danach geht es eher klassisch zu: das heisst, die Evolution der Schwänze wird mit Tierskeletten visualisiert, und erklärt, warum der Menschen keinen Schwanz bzw. nur den Rest davon aufweist. Man erfährt auch, wofür Schwänze im Tierreich eigentlich gut sind. Die vielfältigen Funktionen werden mit Gegenständen aus der menschlichen Sphäre erklärt - wie das Paddel für den Biber oder die Krücke für das Känguruh. Und man erfährt, das Schlangen - von denen man sich einige lebende Exemplare in Terrarien anschauen darf, nicht nur aus einem Schwanz bestehen und wofür Vögel den Schwanz brauchen.




Die nächste Ausstellungssektionen beschäftigen sich mehr mit den kulturellen Bedeutung des Schwanzes. Im comic-artigen Wohnzimmer mit aufgemaltem Fenster und Bildern kann man es sich mit Katze und Hund gemütlich machen, die Hauptdarsteller in verschiedenen Filmen sind. In verschiedenen kleineren Installationen geht es dann um die vielen Bedeutungsebenen von Schwanz - in der Kunst, im Märchen, in der Sprache oder in der Erotik. Es geht darum, weshalb der Mensch Tieren wie Hund oder Schwein den Schwanz abschneidet, zuweilen auch isst - sehr schön ist hier die Inszenierung des Ochsenschwanzes.
Es dreht sich auch darum, weshalb der Schwanz in Mythen so angstbesetzt ist. Dafür stehen der Drache oder der Schwanz des Teufels. Hinter vielen Gucklöchern sieht man die Erotik-Abteilung eines Züricher Antiquariats.
Und auch diese tierische Kuriosität wird einem in Erinnerung bleiben: Ratten, die sich mit dem Schwanz wärmen - und doch dabei gestorben sind.

Die Ausstellung ist interaktiv im besten Sinne - man muss sich schon mal bücken, um durch ein Guckloch den illuminierten Schwanz eines Zebras anschauen zu können oder man kann raten, was man da eigentlich vor sich hat. An anderer Stelle richtet die Besucherin selbst den Scheinwerfer auf die Vögel, klettert in Kuben und befindet sich dann in einer Comicwelt.

Eine wirklich hinreißende Ausstellung, ein sehr origineller Beitrag zum Darwin-Jahr!
Leider, leider gibt es keinen Katalog. Da hilft nur eines: selbst hingehen.
Wer im Museumsblog auch schon die Beiträge über die Ausstellungen Helvetia-Park und Retour d'Angola im Musée d'Ethnographie gelesen hat, weiss, dass diese Reise ein museologischer Höhepunkt sein wird. Bis Ende Februar 2010 bekommt man die drei Ausstellungen auf einen Streich. Die Ausstellung ist zweisprachig, auch die kleine, gerade im Umbau begriffene Dauerausstellung lohnt sich.

Die Ausstellung rezensiert in der NZZ.

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5.11.09

Die Sammlung in Szene setzen

Besucht man das Musée d'Ethnographie in Neuchâtel, dann weiss man, dass man sozusagen eine sichere Bank betritt (als diese noch sicher waren): Gute Ausstellungen sind hier garantiert.
Das betrifft nicht nur die hier schon vorgestellte Ausstellung Helvetia-Park, sondern auch die Präsentation der ständigen Sammlungen. Retour d'Angola, die seit Dezember 2007 laufende Ausstellung, ist allein deswegen sehenswert, da sie sich mit einer zentralen Frage in ethnographischen Museen auseinandersetzt: wie gehen wir mit unserer Sammlung um?

Die Ausstellung würdigt Théodore Delachaux (1879-1949), Schweizer Künstler und Sammler, zwischen 1921 und 1945 Konservator und Forscher am MEN. Delachaux organisierte und begleitete zwischen 1932 und 1933 die Forschungsreise nach Angola, um Objekte für das Museum zu sammeln.
Die Ausstellung möchte aber noch mehr: sie nimmt die ethnographischen Methoden der Zeit unter die Lupe, das Forschen, das Sammeln, verfolgt den Weg, wie Gegenstände zu Museumsobjekte werden und was mit Objekten im Museum passiert - in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die Ausstellung thematisiert das in vier Stationen: Vorbedingungen, Aufbruch, das Terrain und das Zurückkommen und der Umgang mit den Objekten.


Im ersten Raum "Das Entstehen des Blickes", von dem auch das Bild (vom MEN) stammt, geht es um Delachaux und seine vielfältigen Talente als Maler und Zeichner - etwa von Plankton schon - mit 10 Jahren schon publizierte Delachaux ein erstes Buch mit seinen naturwissenschaftlichen Zeichnungen. Die Karriere als Maler und Kunstlehrer, gleichzeitig als Konservator am Museum wird thematisiert. Fast in Gänze gezeigt wird seine Spielzeug-Sammlung, die er schon als Kind anlegte. Die Präsentation ist sehr interessant: auf den ersten Blick wirkt der Raum wie eine anheimelnde Wunderkammer, eine Gelehrten-Stube. Doch die Vitrineninstallation hat so gar nichts Anheimelndes, sondern etwas Seziererisches und verweist auch schon auf die Perspektive des Forschers. Delachaux hatte auch klare museologisch Vorstellungen: zwei Vitrinen wurden nach seinen Vorgaben rekonstruiert.
Im Raum "Im Abschiedsfieber" wird mächtig inszeniert: Listen von Delachaux mit Gegenständen, die mitgenommen werden müssen, Briefwechsel und Notizen sind übergroß auf Fahnen appliziert. Damit soll das Programm der Expedition nach Angola nachvollzogen werden. Im Mittelpunkt stand hier vor allem: Lücken füllen.
Im nächsten Raum ist man schon vor Ort - Im Terrain. Das Terrain wird vor allem mit Fotografien inszeniert. Delachaux setzte schon sehr früh auf die Fotografie. In Angola fertigte er und sein Kollegen Thiébaud über 2500 Fotos an, die nun auf zwei Ebenen gezeigt werden - auf einer eher künstlerischen und auf der dokumentarischen.
Im letzten Raum "Das große Auspacken" sind wir wieder zurück im Museum und schauen uns sozusagen an, was wir alles mitgebracht haben. Das beginnt mit dem Schock: wie und wo bringt man überhaupt die über 3500 gesammelten Objekte unter? Vor allem geht es darum, wie die mitgebrachten Objekte eingeordnet, beschrieben, restauriert und klassifiziert werden - damals wie heute. Eine Installation im Raum widmet sich den Meisterwerken - denen, die bereits vom Kunstmarkt akkzeptiert sind und hohe Preise erzielen (könnten) und denen, die möglicherweise noch Wertsteigerungen erfahren werden.

Die Ausstellung endet mit Fragen - die symptomatisch für viele Sammlungen stehen können - wie: Sind jetzt die Lücken im Museum wirklich gefüllt? Haben die Objekten noch eine Verbindung zu den Ursprungs-Populationen? Sollen wir sie wieder zurückgeben? Wie wird sich der Marktwert entwickeln und was hat das mit dem Museum zu tun?
Im Zentrum steht eine Antwort, die Delachaux häufig in Angola hörte: Das kann ich nicht verkaufen, das gehört mir nicht - quasi die Quintessenz für museale Sammlungen. Die letzte Frage lautet deshalb konsequenterweise: Rückkehr nach Angola?

Es ist eine sehr sympathische Ausstellung, weil sie sich ganz unaufgeregt mit zentralen Fragen im Museum beschäftigt und zugleich sehr beispielhaft argumentiert. Die Ausstellung ist abwechslungsreich inszeniert, ohne überinszeniert zu wirken.

Die Ausstellung begleitet eine Broschüre der Reihe Texpo, ein Begleitbuch wird demnächst erscheinen.

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29.10.09

Kluger Spass im Museum

Helvetia Park heisst die Ausstellung, die zur Zeit im Musée d'Ethnographie in Neuchâtel zu sehen ist. Zu sehen ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, denn die Ausstellung ist im schönsten Sinne des Wortes interaktiv. Bei der Kasse erhält die Besucherin einen kleinen Stapel Münzen, die sinnigerweise Heidi heissen. Mit den Heidis ausgerüstet, begibt man sich in die Museumsräume und sieht sich als erstes einer Schießbude, einem Karussell und einem Autoscooter (ich kenne das unter dem Namen Boxauto) gegenüber. Helvetia Park ist eigentlich ein Jahrmarkt, mit Karussel, Geisterbahn und Wahrsagerin - aber um sich alles genau ansehen zu können, muss man Geld investieren - schon einmal eine erste Erkenntnis.


Es wäre aber nicht das Musée d'Ethnographie, das uns schon so lange und immer wieder mit außergwöhnlich innovativen Ausstellungen beglückt, sich mit einer massgetreuen Umsetzung eines Jahrmarktes im Museum zufrieden geben würde. Nein, die 11 Stände oder Module dienen natürlich als Metaphern und das bekommt man schnell mit.
Es geht in der Ausstellung um das Verständnis von Kultur in der Schweiz in den unterschiedlichsten Zusammenhängen, darum, wie Kultur funktioniert bzw. nicht funktioniert, um die Verflechtungen von Geld und Kultur, um Verständnis und um Mißverständnisse, um die Beziehung zwischen der sogenannten low und high culture.

Die Stände funktionieren nur auf den ersten Blick ähnlich wie auf dem Jahrmarkt - im Prinzip. Zum Beispiel der Autoscooter: dort möchte man natürlich sofort anfangen, die so hübsch gestylten Autos zu steuern - die kleinen Autos bewegen sich aber nicht so, wie man möchte, auch wenn man am Rand noch so sehr am Rad dreht. Sie drehen sich statt dessen nur autistisch um sich selbst oder in eine bestimmte Richtung. Culture Crash heisst hier das Schlagwort. Dazu möchte ich aus der Presseerklärung des Museums zitieren:
"Als Metapher der ganzen Ausstellung, die für eine dynamische und ständig neu entwickelte Konzeption der verschiedenen interagierenden Felder plädiert, spielt dieser Sektor mit einem Schema des Anthropologen James Clifford, das ganz bestimmte «Auffahrkollisionen», insbesondere zwischen den Welten der Kunst, der Folklore und der Ethnographie, bezeichnet. Aufgrund seines Designs und seiner Fahrweise verkörpert jedes Fahrzeug eine Facette dieses in ständiger Bewegung befindlichen Universums: das Modell «Folklore» ist langsam und schwerfällig, lässt sich aber nicht so leicht von seinem Kurs abbringen, das Modell «Gegenwartskunst» reagiert auf eine Vierteldrehung, ist aber stossempfindlicher, und das Modell «Ethno» bewegt sich ausschliesslich am Pistenrand."

Nach diesem Prinzip sind die anderen Stände aufgebaut: der Ballwurfstand wird zum Battleground; mit Bällen kann man auf Sündenböcke zielen. Im Karussel fährt man eine Eternal Tour - und begegnet den mehr oder weniger traditionellen Festen in der Schweiz bzw. den Invention of Traditions.



Der Schießstand heisst hier Telldorado - es geht um die feinen Unterschiede und um Geschmack, herunter dekliniert anhand von den immer gleichen Gegenständen, die aber, genauer hingeschaut, doch sehr große Unterschiede aufweisen.





Im Abnormitätenkabinett trifft man in erster Linie auf merkwürdige Museumsobjekte; der Bogen spannt sich von einem Fetisch aus der Elfenbeinküste bis hin zum Hundespielzeug aus der Schweiz.
Wenn man schließlich noch bei der Wahrsagerin vorbeigeschaut hat, bei Madame Helvetia, die einen mit dem sogenannten Expertenwissen aller Couleur überhäuft, möchte man am liebsten nochmals eine Runde drehen - wenn das Heidi money nicht schon alle wäre.

Eine kluge Ausstellung, die aber nicht moralisch wird, sondern immer mit einem Augenzwinkern agiert. Eine Ausstellung, die wirklich Spaß macht, die einen teilweise Überwindung kostet - die Geisterbahn mochte ich noch nie, und auch diese hier hat es in sich. Eine Ausstellung, die mit der Entdeckerfreude der Besucherin spielt und die Erwartungen einfach hinterläuft - die aber immer etwas mit auf den Weg gibt. Eine Ausstellung, die man sich auf gar keinen Fall entgehen lassen sollte!

An Gelegenheiten wird es nicht mangeln: Helevtia-Park ist als dreisprachige Wanderausstellung konzipiert: Bis Mitte Mai ist sie in Neuchâtel zu sehen, danach geht die Ausstellung in der Schweiz auf die Tour. Nächster Ausstellungsort ist dann ab 18. Juni 2010 das Völkerkundemuseum in St. Gallen.

Die Ausstellung entstand im Rahmen des Programms Ménage - culture et politique à table" der Schweizer Stiftung Pro Helvetia - auch diese Seite lohnt sich anzuschauen - einfach sehr gut und unterhaltsam gemacht. Hier kann man sich auch Presseunterlagen zur Ausstellung herunterladen.

Die schönen Fotos in diesem Beitrag stammen vom Museum.
Einen Ausstellungskatalog gibt es noch nicht, dafür das Heft aus der Reihe Texpo, das einen mit schönen Texten und Bildern auch noch zu Hause erfreut.

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23.10.09

Aus dem Monte Verità soll der Monte Visione werden

Monte Verità - das ist jetzt schon über ein Jahrhundert das Synonym für einen mythischen Ort, auf einem Berg oberhalb von Ascona in der Schweiz, am Lago Maggiore. Dort hinzufahren und eine Weile zu bleiben, war in bestimmten Schichten ein regelrechtes Muss.

Auf dem Gelände sind sie heute noch zu sehen, die Spuren, die die verschiedenen Mythen-MacherInnen hinterlassen haben: Zunächst die LebensreformerInnen um Ida Hoffmann und Henri Oedenkoven, Karl und Gusto Gräser, die um 1900 auf dem Berg eine Kolonie gründen, zunächst sogenannte Laub- und Lufthütten bauen. Bis 1920 harren die GründerInnen aus, bauten weitere Gebäude und eine Naturheilanstalt und zogen viele weitere AnhängerInnen der Naturheilbewegung nach, SchriftstellerInnen, Künstlerinnen, kurz Aussteiger und Aussteigerinnen aus dem bürgerlichen Leben. 1920 geht diese Phase zu Ende, die Anlage zerfällt. Dann wollten KünstlerInnen um Werner Ackermann das Gelände gestalten, was aber nur kurze Zeit gelingt.



1926 tritt der Wuppertaler Bankier und Mäzen Baron Eduard von der Heydt auf den Plan: er lässt von dem bekannten Architekten Emil Fahrenkamp ein Hotel bauen. Mit von der Heydt zieht der internationale Jet Set der gehobeneren Kreise ein - im Grunde wurde der Berg gentrifiziert. Nicht nur die Reichen und Mondänen kamen, sondern etwa auch die Kunstinteressierte wie der französische Museologe Georges Henri Rivière, der 1933 im Hotel weilte und begeistert von den vielen Kunstwerken zeitgenössicher Künstler berichtete. 1934 wird das Hotel geschlossen, der Zweite Weltkrieg verhindert weiteres. Nach dem Tod von von der Heydt geht das Terrain an den Kanton Tessin. Seit 1989 veranstaltet die ETH Zürich im Hotel Kongresse.



1978 wird der Berg wieder entdeckt - vom Schweizer Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Mit der Ausstellung "Mammelle delle verità", die auch an verschiedenen Orten in der Schweiz und in Deutschland gezeigt wurde, bringt er wieder Schwung in die Mythenmaschinerie. Die Ausstellung war dann fest in der Casa Anatta auf dem Monte Veritá beheimatet. Nun ist sie bis voraussichtlich 2012 geschlossen. Die Stiftung Monte Verità plant zusammen mit dem Kantonalamt für Denkmalschutz ein großes Restaurierungs- und Umgestaltungsprojekt für Museum und Gelände. Schon umgesetzt wurden verschiedene Installationen. Ebenso gibt es ein japanischen Teehaus, in dem Teezeremonien angeboten werden. In einer Lichthütte aus der anfangszeit stellt die Stiftung die bisherige Geschichte kurz vor und lädt die BesucherInnen dazu ein, eigene Ideen für die künftige Gestaltung und Nutzung des Parks und des Museums zu benennen damit aus dem Berg der Wahrheit der Berg der Visionen werden kann.

Noch zwei Literaturtipps (weitere sind auf wikipedia zu finden). Unverzichtbar ist das Katalogbuch zur Ausstellung von Harald Szeemann: Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie. Agentur für geistige Gastarbeit, Harald Szeemann, Civitanova Marche und Tegna, und Electa Editrice, Milano 1978. Hier kann man einen Artikel von Erich Mühsam über seine Zeit auf dem Monte Verità lesen.
Wer deftige Anekdoten möchte und ausführliche Erzählungen über den Alltag, der sollte das Buch von Robert Landmann lesen: Ascona - Monte Verità. Die Geschichte eines Berges, Ascona Pancaldi Verlag 1930. 2000 neu herausgegeben im Schweizer Verlag Huber Frauenfeld . Hinter Landmann verbirgt sich übrigens der Künstler Werner Ackermann.

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21.7.09

Erzählen und im Team arbeiten

So beschreibt der Direktor des Historischen Museums Bern, Peter Jezler, seine Tätigkeit als Ausstellungsmacher in der NZZ:
"In meiner Funktion als Ausstellungsmacher habe ich mich als Erzähler verstanden, der die Originalobjekte wie die Arien einer Oper behandelt und die Rezitative dazwischen mit den Mitteln der visuellen Kommunikation zu ergänzen versucht. Für mich wird eine Ausstellung dann kunstvoll, wenn Thematik, Exponate, Texte und Visualisierungen in einer Gesamt-Dramaturgie aufgehoben sind, welche durch Raumgliederung, Farbkonzept, Licht und Inszenierung ihren emotionalen Ausdruck gewinnt."

In Bern kann man sich allerdings nicht mehr lange von seinen musealen Praktiken überzeugen, denn Jezler geht - trotz zahlreicher Erfolge auf verschiedenen Ebenen. Anscheinend konnte er nicht alle seine Vorstellungen in Bern verwirklichen. Ab September leitet Jezler die Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel. Hier noch ein Interview mit Jezler über die Ausstellung Karl des Kühnen im Tagesanzeiger.

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12.6.09

"Ich fände eine Zusammenführung herabsetzend"

so meinte laut dem untenstehenden Beitrag ein Kollege...
Gegenbeispiel (eines unter vielen man denke nur an Neuchâtel!) die Ausstellung "Rot" die letztes Jahr in Basel zu sehen war.
Hier ein paar Bildbeispiele:



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29.5.09

Ein neuer Direktor

Schon seit Anfang Februar 2009 hat das Musée d'Ethnographie Genf einen neuen Direktor: Boris Wastiau. Wastiau ist ein Ethnologe aus Belgien, der in Belgien und England studiert hat. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an verschiedenen Museen, u.a. Konservator am ethnolgischen Museum in Tervuren. Seit 2007 ist er im MEG für die Abteilung Afrika und Amerika zuständig. Seine Hauptaufgabe wird nun sein, den Umbau des Museums und die Neukonzeption voranzutreiben. Ob uns nun auch so ein innovatives Konzept erwartet, wie es bei Jacques Hainard, dem vorigen Dirketor zu erwarten gewesen wäre, werden wir natürlich weiterverfolgen. Wastiau spricht im Statement des Direktors von einer Metamorphose, die dem Museum bevorsteht. Hainard taucht im putzigen Personenkarussel auf der Internesteite übrigens als Berater auf.

Hier auf dieser Seite kann man einen Vortrag von Boris Wastiau über die Himmelheber-Sammlung im Genfer Museum auf englisch anhören.
Hier noch ein lesenswertes Interview mit Hainard in swissinfo.ch von 2007.

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18.5.09

Wenn sich Krokodile vor Monets Seerosen tummeln

Objekte außereuropäischer Länder haben Konjunktur. Das weiss man nicht erst seit der Eröffnung des Musée du quai Branly 2006 in Paris. Solche Stücke wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts in den westlichen Metropolen als "Negerkunst" (Carl Einstein) oder als primitive Kunst gezeigt. Legendär war etwa 1984 die Ausstellung "Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts", kuratiert von William Rubin in New York, die die Verknüpfung zu europäischen Künstlern aufzeigen wollte.
Die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel möchte mit Bildwelten Afrika, Ozeanien und die Moderne nun einen neuen Weg einschlagen: Werke aus Afrika und Ozeanien sollen mit Gemälden und Skulpturen aus der klassischen Moderne in einen Dialog treten, die Konfrontation wird gesucht. Werke, die sich seit Jahren in der Sammlung befinden, sollen ganz neu gesehen, ihre suggestive Kraft soll regelrecht erweckt werden. In der Pressemitteilung heißt es dazu:
"Zentrales kuratorisches Anliegen ist die Erfahrbarkeit künstlerischer Kraft und Bildmacht, die sich dem Betrachter vergegenwärtigt. In packender Weise verbinden sich unterschiedliche Repräsentationsformen und veranschaulichen dadurch, weshalb Menschen aller Kulturkreise, insbesondere Künstler und Sammler, immer wieder aufs Neue von der bildgewaltigen Kraft dieser Werke fasziniert sind."
Viele der gezeigten Werke stammen aus der Sammlung der Fondation; über 150 Leihgaben kommen aus anderen Museen, vor allem aus dem Museum der Kulturen in Basel.

Die beiden Kult-Krokodile aus Papua-Neuguinea liegen vor dem imposanten Seerosengemälde von Claude Monet. Schon der Auftakt im Foyer macht deutlich, was Kurator Oliver Wick mit der Ausstellung bezweckte: Es geht um die Gegensätze, um den Kontrast und um die Spannung, die die Gegenüberstellung solch konträrer Kunstwerke auslösen.

Die Konfrontationen oder Begegnungen mit dem Fokus auf der Darstellung der menschlichen Figur spielen sich in dreizehn Sälen ab. Mit einem kleinen Heft ausgestattet, das die Saaltexte beinhaltet, begibt sich die Ausstellungsbesucherin in die hell-grau gehaltenen Räume im wunderbaren Gebäude von Renzo Piano. Die präsentierten außereuropäische Stücke liefern die Raumtitel, die die BesucherInnen in verschiedene Kontinente führen. Die Stars sind hier nicht die Werke anerkannter westlicher Künstler, sondern die zuweilen unprätentiös wirkenden Stücke aus Afrika oder Ozeanien zumeist anonymer Herkunft. Allein oder in Werkgruppen, nach Herkunft inszeniert, entfalten sie eine Präsenz, der man sich nicht entziehen kann. Sie erinnern an eine der ersten Funktionen des Museums: an das Staunen. Im Raum mit den zahlreichen an der Wand arrangierten afrikanischen Masken etwa übersieht man darüber das Landschaftsbild von Vincent van Gogh. Das gilt auch für die mit Nägeln besetzten und allmöglichen Zierrat versehen Figuren aus dem Kongo-Gebiet, die sich mit Picasso und Braque einen Raum teilen oder für die bunten, federnbesetzten Stücke aus Hawai, die Federbildnisse von Kriegsgöttern nachempfinden, die die Bilder von Mark Rothko nochmals farbloser erscheinen lassen.

Die Räume sind in einer nicht erkennbaren Reihenfolge zu begehen - es geht jeweils um bestimmte Zuschnitte, wie Körper repräsentiert bzw. verstanden werden. Dennoch kann es kein Zufall sein, dass die relativ bekannten afrikanischen Masken den Anfang machen, während gewaltige Figuren aus Papua-Neuguinea den Abschluß bilden. Die Opulenz und Übermacht der außereuropäischen Objekte ist gewollt; damit möchte man nach Aussage der Ausstellungsmacher eine Umkehrung der Perspektive erreichen. Die gesuchten Konfrontationen sind aber manchmal gar keine: die Werke aus der Klassischen Moderne kennt man einfach zu gut - von Ausstellungsbesuchen, Plakaten oder aus Büchern. Sie bieten nicht immer die gewünschte Kontrastfolie, sondern verblassen gar.

Man fragt sich sogar zuweilen, weshalb die Gemälde und Skulpturen der klassischen Moderne hier dabei sind. Um darüber hinwegtäuschen, dass die außereuropäischen Objekte aufgrund ihrer offensichtlichen Extravaganz ausgewählt wurden? Als Folie für den Exotismus? Nicht nachzuvollziehen ist, dass bei den knappen Objekttexten bei den europäischen Werken immer das Material dabei steht (à la Öl auf Leinwand), während das bei den außereuropäischen Objekten allerdings nicht der Fall ist.

Immerhin bekommt man einen Hinweis, woher die Stücke stammen. So hängt neben einer Figur von den Marquesas der Hinweis, dass ein Kapitän der Artillerie der französischen Marine der Stadt Colmar dieses Stück geschenkt hatte. Gekauftes Souvenir? Diebesgut? Das fragt man sich bei einigen der Stücke, die alle aus westlichen, zumeist europäischen Sammlungen kommen. Seit Michel Leiris berühmt-berüchtigen Tagebuch "Phantom Afrika", das dieser während der Expedition Dakar-Dschibuti in den 1930er Jahren des Pariser Musée d'Ethnographie schrieb, ist offengelegt, dass nicht nur Militärs, sondern auch EthnologInnen manchmal auf räuberische Art und Weise an die Objekte kamen. Leider erfährt man darüber in der Ausstellung selbst nicht mehr.

Dennoch: man kann diese äußerst anregende, auch aufregende und sinnlich sehr berührende Schau nur empfehlen. Interessant ist auch das Heft mit den Texten, da hier die Bildwelten auf drei Arten durchdekliniert werden: Kult und Kontext / Kunst / Kommentar sind die Überschriften, die mehrgleisige Einblicke gestatten. Der Kommentar legt die Gedanken des Kurators Wick offen und gibt auf diese Weise Einblick in die Ausstellungsidee.

Ob es ein ganz neuer Weg ist, den die Ausstellung damit einschlägt, wird sich noch zeigen. Der theatralisch anmutenden Präsentation im oben schon erwähnten Musée du quai Branly wird damit auf alle Fälle etwas angenehm Unaufgeregtes, sehr Sinnliches, Nachdenkenwertes entgegengesetzt. Zeit, sich die Ausstellung anzusehen hat man noch bis zum 28. Juni.

Sehr beeindruckt hat auch der Katalog: Er besteht aus einer Broschüre und aus einem Schuber mit 17 Bildtafeln. So kann man sich die Krokodile auch ins heimische Wohnzimmer holen.


FONDATION BEYELER
Beyeler Museum AG, Baselstrasse 101, CH-4125 Riehen / Basel
Täglich 10 - 18 Uhr, mittwochs 10 - 20 Uhr

Die Ausstellung in den Medien:
ein Bericht über die Ausstellung mit o-Ton von Museumsstifter Beyeler auf dradio;
die taz hält "Monet als überflüssige Dreingabe" und die NZZ titelt ihren Artikel mit "Staunen vor dem Nageltisch".

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13.3.09

Alles über das Witzerland

Eher selten gelten Schweizerinnen und Schweizer als besonders schlagfertig oder sogar witzig.

Dieser Satz ist nicht ausgedacht, sondern steht so auf der Internetseite des Schweizerischen Landesmuseums in Zürich. Hier wird die Ausstellung Witzerland geplant:
"Humor, Witz und Satire sind das Thema der Schau: eine multimediale Zusammenstellung humoristischer Blicke auf die Schweiz."

Für alle, die bei Schweizer Humor immer noch oder nur an Emil denken, könnte diese Ausstellung interessant werden.

Ab dem 2. April ist die Ausstellung in Zürich zu sehen - und man kann selbst noch dazu beitragen. Witze, Zeichnungen oder Videos sind dem Museum willkommen, alles weitere dazu findet sich bei Witzerland.

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19.2.09

Hinschauen


Hinschauen, nicht wegsehen. Gurs 1939-1943 heisst die Ausstellung, die zur Zeit im Historischem Museum in Luzern gezeigt wird.
Anzuschauen sind die Werke aus der Sammlung Elsbeth Kasser. Frau Kasser war eine Krankenschwester aus der Schweiz, die während des Zweiten Weltkriegs für die Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für kriegsgeschädigte Kinder und das Schweizerischen Roten Kreuzes in Internierungslagern des besetzten Frankreichs tätig war. Sie brachte vor allem aus dem Lager in Gurs Aquarelle, Zeichnungen und Fotografien mit, die ein Stück weit den Alltag in den Lagern widerspiegeln.
In Gurs wurden u.a. deutsche, jüdische EmigrantInnen interniert, die sich in Frankreich vor dem NS-Regime sicher glaubten. Darunter waren viele Intellektuelle und KünstlerInnen wie Charlotte Salomon, Lisa Fittko, Hannah Arendt oder Max Lingner, von dem auch das Bild stammt (von der Seite des Historischen Museums). 1942/1943 wurden knapp 4000 Juden und Jüdinnen, die sich noch in Gurs befanden über Drancy bei Paris ins Todeslager nach Auschwitz deportiert.

Die Ausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt der Elsbeth Kasser-Stiftung, des Bildungs- und Kulturdepartement des Kantons Luzern, der Hochschule Luzern und der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz. Die Gestaltung entwickelten Studierende der Hochschule Luzern - auf der Seite der Elsbeth-Kasser-Stiftung ist das alles nachzulesen.
Die Sammlung wird heute im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich verwahrt und kann hier angesehen werden.


Historisches Museum Luzern
Pfistergasse 24, CH-6000 Luzern 7 +41 41 228 54 24 / 22
Öffnungszeiten: 10-17 Uhr, Montag geschlossen

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2.9.08

Das Gluckern des Rheins


Es gluckert, Maschinen dröhnen und das alte Holz entwickelt einen unvergleichlichen Geruch: der Besuch des Museums zu Allerheiligen mitten in der Altstadt von Schaffhausen bietet eine sehr sinnliche Erfahrung. Das Museum, das zum Teil in einem Neubau, zum Teil in einem ehemaligen Benediktinerkloster untergebracht ist, hat einen besonderen Charme. Es widmet sich der Archäologie, Naturkunde, Kunst und Geschichte. Der Gang durch die Gebäudeteile führt auch durch Kreuzsaal und Abtstube - hier duften die Holzbalken unvergleichlich. Die Dauerausstellung wird gerade umgebaut. Klugerweise wird das in Abschnitten gemacht, so dass trotzdem vieles zu sehen ist. So die neukonzipierte Einführung in die Stadtgeschichte - 1000 Jahre im Überblick. Hier gluckert der Rhein in einem Modell fröhlich vor sich hin. Weiter geht es mit der Stadtgeschichte vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die Industrialisierung spielte eine große Rolle - deswegen auch der Maschinenlärm. Die Geschichten der für Schaffhausen wichtigen Firmen wird in kleinen Monografien erzählt. Vereinsleben, Zweiter Weltkrieg und die Bombardierung durch die amerikanische Armee und der Konsumrausch in den 1950er Jahren sind weitere Themen. Das ist sehr schön und abwechslungsreich mit vielen Objekten inszeniert. Neue Medien werden unauffällig eingebunden und drängen sich nicht in den Vordergrund. Im oberen Stockwerk wird gerade die feine Ausstellung über Käfer - vielseitig erfolgreich präsentiert. Hingehen, wenn man mal in der Gegend ist!

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22.8.08

Absolut lesenswert

Das ethnographische Museum in Neuchâtel ist seit langem für seine provokanten und insolenten Ausstellungen bekannt - um nicht zu sagen, berühmt und berüchtigt. Anlässlich des 100 Jahre Jubiläums 2004 kam im darauffolgende Jahr ein über 600 Seiten starker, reich illustrierter Band heraus, der "Cent ans d'ethnographie sur la colline de Saint-Nicolas, 1904-2004" nachzeichnet. 
Der erste Teil widmet sich der Geschichte des Museums, von seinen Anfängen als Kuriositätenkabinett über die kolonialen Sammlungsexpeditionen, die universitäre Einbindung und die Rolle Van Genneps bis hin zu neun Ansätzen für eine Anthropologie/Ethnologie des 21. Jahrhunderts. Ein weiterer Teil lässt Mitarbeiter zu Worte kommen, die ihr Lieblingsobjekt vorstellen. Kollegen aus dem In- und Ausland sind eingeladen, ihre Sicht auf das MEN darzulegen und der Sclussteil berichtet über das Jubiläumsjahr, seine Festlichkeiten und Events.
Was aber das Buch so ausserordentlich lesenswert, ja unentbehrlich für alle im Ausstellunsgbetrieb Tätigen macht, ist jener Teil in dem die Ausstellungsarbeit des MEN im Mittelpunkt steht und hier ganz besonders die Zeit zwischen 1981 und 2004 die von einer immer weiterreichenden Suche nach neuen Inhalten und szenogafischen Inszenierungen unter der Direktion des charismatischen Jacques Hainard Zeugnis ablegt. Alle Ausstellungen finden sich hier einem Schema folgend versammelt: ein emblematisches Foto, das Plakat, Fotos die die grossen Ausstellungslinien widergeben, Pläne und Details zur Konzeption und zur Szenographie, Fotos mit Ausstellungsdetails, eine Analyse, Pressereaktionen und ein Verzeichnis von Publikationen zur Ausstellung runden jedes einzelne Kapitel ab.
Die ca. 90 Euros die der Band kostet können kaum besser angelegt werden!

Gonseth, Marc-Olivier, Jacques Hainard, Roland Kaehr (dir.), 2005, Cents ans d'ethnographie sur la colline de Saint-Nicolas, 1904-2004. Neuchâtel, MEN (ISBN 2-88078-029-2)

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15.1.08

Bitte noch mehr Fotos!

GRANDIOS ist die Ausstellung des Fotokünstlers Andreas Gursky, die zur Zeit im Kunstmuseum Basel gezeigt wird. Die großformatigen Fotografien, die Gursky so perfekt inszeniert, sind einfach ein Erlebnis. Zu den Fotos selbst erfährt man nicht viel: Titel und Jahr. Auch wenn man weiß, dass Gursky die Fotografien bearbeitet, ist es erstaunlich, wie man das Medium Fotografie immer noch mit der Vorstellung einer realistischen Abbildung der Wirklichkeit verbindet. Denn es ist einfach alles so perfekt, dass man bei "Kathedrale I" die großartigen gotischen Fenster bewundert und zunächst gar nicht merkt, dass da eigentlich noch die Säulen hätten stehen müssen... Auffällig wird es erst dann, wenn die Straße bei "Tour de France" mitten im Berg endet, während weiter oben noch Radler unterwegs sind. Großartig ist die Fotografie "Dubai World II", die auch das Plakat ziert: viele kleine Inseln im blauen Meer. Hier ist das Spiel mit dem Realismus perfekt, da es sich zudem um künstliche Inseln aus Beton handelt und der Sand mit Baggern geformt wurde. Um die Inseln herum wirkt das hellere Blau wie ein sanfter Pinselstrich. Leider, leider ist die Ausstellung viel zu früh zu Ende! Wenn man aber schon einmal im Kunstmuseum Basel ist, kann man die Gelegenheit nutzen und die alten Bekannten der klassischen Moderne in den Räumlichkeiten nebenan besuchen, auch ein Genuß.

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen, der 55 Franken kostet. Noch bis zum 24.2. sind die Fotografien zu sehen. Hingehen!
Eine Rezension zur Ausstellung hier in der NZZ.

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18.7.07

Blumensprachen

Äußerst vielversprechend und in jeder Hinsicht poetisch klingt die von Cornelia Meyer kuratierte und von Trinidad Moreno gestaltete Ausstellung in Zürich mit dem Titel Die Sprache der Blumen. Eine Blütenlese. So heisst es im Ausstellungstext: "Die Ausstellung thematisiert in Form einer „Blütenlese“ einige der vielen literarischen Bezüge zur Blumenmetapher vom Mittelalter bis in die heutige Zeit". Auf der Internetseite wird mit vielen Texten und Bildern die Lust auf die Schau im Strauhof geweckt. Schön ist es, dass viele Bilder wie auch die Begleitbroschüre als Downloads zur Verfügung stehen.
Hier ein Blick in "Den Garten der Blumenlyrik".

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13.3.07

Wie ein Museum ins Handelsregister kommt

Geschlossen, aber nicht vergessen: das Museum für Gestaltung in Basel, das 1989 aus dem 1886 gegründeten Gewerbemuseum hervorgegangen ist. 1996 beschloss Basel, das Museum aus Kostengründen zu schließen, obwohl sich das Ausstellungshaus international einen sehr guten Ruf für innovative Ausstellungen erarbeitet hatte. Dazu gehören die Ausstellungen mit Titeln wie "Rechts oder Links", "Gemischte Gefühle oder die "Tücke des Objekts", zu denen auch immer einfallsreiche Publikationen veröffentlicht wurden. Matthias Götz und Bruno Haldner führten das Museum mit einem kleinen Team als GmbH weiter. Bis heute ist das ehemalige Museum als "Museum für Gestaltung GmbH" im Handelsregister der Schweiz eingetragen.
Leider habe ich nie eine Ausstellung des Museums für Gestaltung gesehen, erinnere mich aber an Lobeshymnen in den einschlägigen Zeitungen. Im Internet lässt sich die Arbeit des Museums in groben Zügen nachvollziehen.

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6.2.07

Was macht eigentlich Jacques Hainard?

Man kennt ihn von internationalen Museumstagungen: Immer wenn es langweilig zu werden drohte, kam der französischsprachige Schweizer und provozierte mit einer Äußerung, die alle wieder aufweckte. Er hat zahlreiche Ausstellungen gemacht, als er Leiter des Musée d'Ethnographie Neuchâtel, die weltweit Aufsehen erregten. Das waren nicht nur Ausstellungen, sondern intellektuelle Experimente wie "Der Unterschied" oder "Das kannibalische Museum".
Die Devise des MEN lautet:
"Ausstellen heisst die Harmonie trüben.
Ausstellen heisst den Besucher in seiner intellektuellen Behaglichkeit stören.
Ausstellen heisst Gefühle hervorrufen, Wut und das Verlangen noch mehr zu wissen.
Ausstellen heisst einen spezifischen Diskurs über ein Museum führen, bestehend aus Gegenständen, Texten und Darstellungen.
Ausstellen heisst Gegenstände in den Dienst einer theoretischen Betrachtung, eines Diskurses oder einer Geschichte stellen und nicht umgekehrt.
Ausstellen heisst das Wesentliche durch kritische Distanz nahelegen, gefärbt von Humor, Ironie und Spott.
Ausstellen heisst gegen angenommene Ideen kämpfen, die Stereotypen und die Dummheit.
Ausstellen heisst gemeinsam eine Erfahrung intensiv leben."
Man kann sich nur wünschen, dass dies in mehr Museen dies beherzigt würde! Schon seit einem knappen Jahr hat Hainard seinem Kollegen Marc-Olivier Gonseth das Feld überlassen, und leitet nun die Geschicke des Musée d'Ethnographie Genf. Dies soll von Grund auf neu konzipiert und renoviert werden, eine spannende Angelegenheit, für die Hainard in seinem Mot du Directeur viel Engagement und vor allem viel Liebe fordert. Ich zweifle nicht daran, dass er diese finden bzw. auch bei den Genfern entzünden wird.

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